Vier Stunden Aufenthalt *
"Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?" (Goethe, Faust)
Viele sagen Dortmund sei eine langweilige Stadt. Es gibt keine langweilige Städte sondern langweilige Menschen. In Dortmund erlebte ich eine der glücklichsten Perioden meines Lebens. Vier tolle - heutzutage würde man "geile" sagen - Monate, während denen ich, sozusagen, der glücklichste Mann auf Erden war. Fast jede Nacht waren wir in Kneipen, Restaurants und… natürlich in der Disco. Wir hatten verrückte Partys auch im Wohnheim. Einmal, ich kann mich daran genau erinnern, war auch die Polizei ohne Einladung da ! Wir hatten zuviel Lärm gemacht und die Nachbarn hatten sich bei der Polizei beschwert.
Wir waren eine multinationale Gruppe: Stipendiaten aus Tunesien, Venezuela, Cameroun, Senegal, Tansania, Bangladesh, Iran, Ecuador, China, Taiwan usw. Als Gäste und Stipendiaten der deutschen Bundesregierung waren wir sorgenlos und hatten "la dolce vita" genossen.
Fünf Jahre später hatte ich, per purem Zufall, vier Stunden Aufenthalt in Dortmund, der Stadt der schönsten Erinnerungen. Eine Maschine von Tunis Air hatte mich von Tunis bis München geflogen. Ich verbrachte die Nacht in eimem kleinen, gemütlichen Münchner Hotel, der Pension Luna. Am folgenden Tag kaufte ich ein Schönes-Wochenende Ticket, die billigste Bahnkarte, die es gab, um nach Bremen, der deutschen Stadt, die ich am besten kenne, zu fahren. Das war eine unvergeßliche Reise, die fast vierundzwanzig Stunden gedauert hatte. Zwischen München und Bremen mußte ich achtzehnmal umsteigen !
Am Morgengrauen kam mein Zug in Dortmund an und ich mußte noch einmal umsteigen. Die Wartezeit war ziemlich lang: vier Stunden bis zum nächsten Zug Richtung Nord. Während der frühsten Stunden eines kalten Samstags schlenderte ich durch die fast leeren Straßen und Gassen Dortmunds. Plötzlich hatte ich einen schweren Anfall von Melancholie erlitten. Dort begegnete ich nur den Gespensten einer verlorenen Zeit. Diese grausamen Gefühle werde ich nie vergessen.
Das war aber auch eine klare, eindeutige Lektion für mich. Villeicht auch für die Leser : Never look back into the past ! Blick nie in die Vergangenheit zurück ! Das Leben müssen wir genau wie Züge führen. Die Züge fahren immer geradeaus…—
* Eins meiner Lieblingsstücke Heinrich Bölls ist ein Hörspiel namens Eine Stunde Aufenthalt
O.K.
Den Haag, den 23 März 2007.

Diese Rubrik “Carnet d’un nomade” hat was magisches in sich.
Zuerst in London dann in Dortmund habe ich nichts von beiden Staedten erfahren, weder was du gesehen, gegessen, gemacht hast noch wie die Leute da waren aber ein Gefuehl konnte ich spueren.
Jede Reise konnte ich mit einem Gefuehl assoziieren. London die Stadt der Verzweifelung, Dortmund Stadt der Verlorenheit [aber nicht nur].
Eine “Reise der Gefuehle” bietest du fuer mich hier. Ich hatte auch keine Reisefuehrung erwartet. Ich freue mich auf die naechste Station.
Comment by Une mouette sur le quai — March 25, 2007 @ 2:00 pm